In geheimer Mission: JoHo OP Team reist nach Essen
Im Juli 2000 kam es für unsere Klinik Herz-Thorax- und Gefäßchirurgie mit Chefarzt Prof. Gerhard Walterbusch zu einem Sondereinsatz in der Uni-Klinik Essen: der Bundespräsident litt an einem Bauchaortenaneurysma und musste dringend operiert werden.
Nach langen Beratungen hatte man sich für Prof. Walterbusch als Operateur und Spezialisten entschieden.
Der Patient lag stationär in einer Essener Klinik und wollte dort auch bleiben. Die Operation musste kurzfristig in wenigen Tagen stattfinden. Das hieß für uns: wir fahren zum Patienten. Unser OP-Team für diesen Einsatz bestand aus Prof. Walterbusch, dem leitenden Oberarzt der Gefäßchirurgie und mir als leitender OP-Schwester. Prof. Walterbusch unterbrach spontan seinen Urlaub in der Schweiz und kam am OP Vortag nach Dortmund zurück.
Nun mussten Vorbereitungen getroffen werden, ohne, dass es zu Rückfragen von den Kolleg:innen kam. Ich stellte also unbemerkt alle Materialien für die Operation zusammen. In der Uni Essen gab es natürlich auch Instrumente und Nahtmaterial, aber jeder Chirurg arbeitet am liebsten mit seinem vertrauten Material. Nachdem alles in einem VW-Bulli verladen war, holten wir Prof. Walterbusch zuhause ab. Zu meiner Überraschung begleitete uns auch noch ein Kollege, Herr Prof. Haverich aus Hannover. Beide Profs waren sehr lässig gekleidet. Ihr James Dean-Style sollte wohl sehr unauffällig wirken.
Auf der Fahrt nach Essen wurden nur noch einige strategische Punkte besprochen, ansonsten war die Stimmung recht angespannt, denn die OP war nicht einfach und man operierte an einem fremden Ort. Nach Ankunft in der Essener Uni wurde ich mit unserem Equipment in den OP begleitet. Ich reichte der instrumentierenden Kollegin die bevorzugten, notwendigen Materialien und erklärte ihr den Ablauf. Mein Part bei der Operation bestand darin, für den Notfall am Tisch bereitzustehen.
Nach einer langen, komplizierten Einleitung konnte die Operation beginnen.
Der hiesige Arzt, seine ltd. Oberärztin und ein Oberarzt eröffneten das Abdomen. Es gestaltete sich sehr schwierig und ich fragte mich, wann man unseren Chef wohl dazu holt. Es schien mir zunächst, dass man uns als Team gar nicht einbeziehen wollte, obwohl wir als Spezialisten gekommen waren. Das machte mich etwas unruhig. Erst als man sah, dass das Bauchaortenaneurysma schwierig zu operieren ist, holte man Prof. Walterbusch, der mit Prof. Haverich im Aufenthaltsraum wartete, endlich hinzu. Der Eingriff war wegen verschiedener Vorerkrankungen sehr schwierig und dauerte ca. drei Stunden, ohne weitere Komplikationen.
Nachdem der Patient auf die Intensivstation verlegt war, trafen sich alle Beteiligten bei einem Italiener in Essen, um die Operation im Nachgang noch einmal zu besprechen. Zu meiner Überraschung kam die Ehefrau des Patienten hinzu, um sich zu bedanken. Jetzt löste sich die Anspannung aller Beteiligten ein wenig und man gönnte sich ein Gläschen Wein. Danach ging es in die Klinik zurück. Prof. Walterbusch begab sich sofort auf die Intensivstation, um nach dem Patienten zu sehen. Anschließend verluden wir unser Equipment und es ging nach Dortmund zurück.
Unsere geheime Mission war gelungen. Der behandelnde Arzt der Essener Klinik erhielt einen Staatspreis von 50.000 €, Prof. Walterbusch ein mit Unterschriftsautomaten unterzeichnetes Dankesschreiben. Erst später wurde in der Dortmunder Presse bekannt, dass Prof. Walterbusch den Bundespräsidenten Johannes Rau operiert hatte.
Rita Abicht-Gehrmann