Mein erster OP-Tag
In den letzten fünfzig Jahren hat sich fast alles verändert, trotzdem ist es immer noch ein besonderer Arbeitsplatz!
Eine völlig neue Welt: April 1975, Krankenpflege Ausbildung, dritter Einsatz in der OP-Abteilung
Im Vorraum der Abteilung hängt eine große Tafel, auf die am Nachmittag mit Kreide das Programm für den nächsten Tag aufgeschrieben wird. Es stehen drei aseptische und ein septischer OP zur Verfügung. Am Morgen meines ersten Arbeitstages, eingekleidet in grüne Bereichskleidung, inklusive Haube und Mundschutz, führt mich die leitende OP-Schwester durch die Abteilung. Sie verabschiedet sich in Saal zwei von mir, mein Arbeitsbereich für heute.
Natürlich bin ich dort nicht alleine, ein versierter Kollege ist als verantwortlicher Springer mit im Saal und leitet mich an. Der zuständige Oberarzt und sein Assistent sind für zwei Patienten mit Leistenhernie und eine Patientin mit Struma eingeteilt. Die OP Mitarbeiterinnen sind, bis auf zwei Pfleger, Kolleginnen. Ihre Hauptaufgabe ist das Instrumentieren. Die Pfleger sind zuständig für die Springertätigkeit, Einstellen der OP Lampe, Gipsen, Patienten bestellen, das OP Team zusammen zu rufen und, und, und!
Zu Beginn des Einsatzes ist für mich obere Priorität zu lernen, "Abstand, bitte die Steilzone einhalten“. Mindestens siebzig Zentimeter, als Richtmaß dient ungefähr eine Armlänge. Abstand zu den in sterilen Kittel gekleideten Kollegen, zu gerichteten Instrumentiertischen und zu dem OP Tisch, auf dem der Patient im Saal mit sterilen Tüchern abgedeckt wird.
Im großen Saal stehen zwei OP Tische nur ungefähr zwei Meter fünfzig auseinander, heute undenkbar! Der Chefarzt kann also bei Unklarheiten während der OP mal eben steril zum Kollegen rübergehen, schauen und gegebenenfalls einen fachlichen Rat geben.
Die notwendigen Instrumente sind nach Sorten in sechs verschiedene Siebschalen steril aufgeteilt. Die zuständige OP Schwester entnimmt zum Decken des Instrumentiertisches die entsprechenden Materialien. Auf Sieb Eins liegen die Scheren und Skalpellgriffe. Auf Zwei die unterschiedlichsten Pinzetten und Kornzangen, auf Drei verschiedene kleine und große Haken. Auf Sieb Vier liegen Klemmen, Mikulicz und Fasszangen. Auf Fünf und Sechs Sperrer, große Spatel und auch ein „großer, natürlich steriler Esslöffel". Auf meine Nachfrage wurde mir erklärt, dass sich genau dieser Löffel in Länge und Form bei einer bestimmte Operation ganz besonders gut einsetzen lässt - heute auch undenkbar!
Viele Instrumente sind nach ihren ärztlichen Erfindern benannt, so zum Beispiel der Mikulicz. Das war ein Chirurg im 19. Jahrhundert. Er war ein Pionier der Antisepsis und Asepsis.
Einmal an den Sieben lang gehen und die erfahrene OP Schwester hat ihre Instrumente für die anstehende OP zusammen. Bauchtücher, Kittel, Abdecktücher, Tupfer und Handschuhe gibt es in unterschiedlichen Trommeln auf Ständern, die zum Öffnen mit dem Fuß bedient werden und entlang der Wand stehen.
Diese neue Welt hat weitere Herausforderungen. Ich muss mich daran gewöhnen, die Stimmen der Kollegen durch den Stoffmundschutz zu verstehen. Neue unterschiedliche Geräusche und besondere Gerüche auszuhalten. Die OP Schuhe sind unbequem und in der grünen OP Bekleidung ist es ziemlich frisch. Wenn der Patient abgedeckt ist und die OP beginnt, stellen die Kollegen eine kleine zweistufige Holzbank, die Stufen sind mit PVC beklebt, hinter den Operateur, um von dort aus die riesige OP Lampe einzustellen und während der OP zu bedienen. Da kommt es intraoperativ seitens des Operateurs schon mal zu Aussagen wie „Licht jetzt hierhin, sonst kann ich nicht operieren“ oder „…so kann ich nicht arbeiten!!!“
Verläuft alles planmäßig ist zum Ende der OP der nachfolgende Patient im Vorraum schon vorbereitet. Der erste Patient wird rausgefahren, die Putzfrauen kommen, der nächste Patient wird in den Saal geschoben, die OP Schwester richtet einen neuen Instumententisch - der „fliegende Wechsel“ ist perfekt.
Das lange Stehen, die ungewohnte Umgebung und die vielen neuen Eindrücke haben mich fasziniert und geschafft. Ich bin froh und ziemlich hungrig, als ich am Nachmittag aus der OP Abteilung komme. Da ahnte ich noch nicht, dass der OP für eine sehr lange Zeit mein Aufgabenbereich werden würde.
In den letzten fünfzig Jahren hat sich fast alles verändert, trotzdem ist es immer noch ein besonderer Arbeitsplatz!
Jutta Menke