Der Horror-Fahrstuhl

Eine (nicht ganz so ernst gemeinte) Geschichte aus dem Krankenhausalltag um einen geheimnisvollen Fahrstuhl.

Das schreckliche Geheimnis des Horror-Fahrstuhls

Vor kurzem saß ich auf dem Flur einer Station unseres Krankenhauses. Die näheren Umstände tun hier nichts zur Sache, eine ambulante Behandlung, das soll als Information reichen.

Erzählt werden soll aber jenes hanebüchene Ereignis, welches sich dort vor meinen Augen abspielte,

Es war früh morgens und ich saß da und wartete. Wartete darauf, beim behandelnden Arzt vorstellig zu werden.

Ich saß auf einem dieser in einer Reihe nebeneinander aufgestellter Stühle, welche in dem Wartebereich der dortigen Ambulanz als Sitzgelegenheiten dienen. Drei weitere Personen saßen in einigem Abstand rechts und links neben mir. Gegenüber unserer Sitzreihe, von uns aus in direktem Blick, befand sich die geschlossene Tür eines Aufzugs. Ein Aufzug wie jeder andere. Dachte ich!

Um uns herum und im gesamten Verlauf des Flures herrschte rege Geschäftigkeit. Weiß oder blau gekleidete Damen und Herren schoben Betten oder teewagenähnliche Gefährte umher und verschwanden mit allerlei Utensilien bepackt in seitlich gelegenen Zimmern oder erschienen aus diesen. Alle waren derart beschäftigt, dass sie dem Aufzug keine Beachtung schenkten. Warum auch? Wer interessiert sich schon für Aufzüge? Elektromechanische Vorrichtungen zum Transport von Personen oder Lasten zwischen Stockwerken, nichts weiter. Denkt man!

Ich saß also da und starrte irgendwo hin. Nicht aus Interesse, sondern wie man das so macht, wenn man wartet. Man beschäftigt sich mit Dingen, denen man ansonsten nur wenig Beachtung schenkt. Zum Beispiel mit monatealten Zeitschriften vom Lesezirkel. Die lagen hier aber nicht aus. Oder mit den kurzweiligen Inhalten von Socialmedia-Plattformen. Hier war aber kein Internet-Empfang.

So blieb mein Blick gelangweilt auf der verschlossenen, stählernen Schiebetür des Aufzugs haften - und dann passierte es!

Plötzlich und unerwartet schob sich die Tür auseinander. Öffnete sich in der Mitte. Licht drang nach außen, erst durch einen schmalen Spalt, welcher schnell breiter werdend sodann eine Gestalt freigab, anfangs nur schemenhaft, dann komplett und noch bevor die Türen gänzlich zur Seite geglitten, sie vollständig geöffnet waren, sprang sie heraus. Eine junge Frau in weißer Tracht. Examinierte Schwester, Schülerin, Praktikantin, was weiß ich. Mit aufgerissenen ins Leere blickenden Augen und wirren Haaren, eine gefüllte Brötchentüte an ihren Körper gepresst, stürzte sie an uns vorbei, würdigte uns Wartende keines Blickes, rannte über den Flur und verschwand im Pflegebüro.

Ich blickte ihr bestürzt nach. Nur kurz - und als ich den Kopf wieder herumwarf, um einen Blick in den Aufzug zu werfen, aus dem sie soeben geflohen war, hatte sich dieser bereits wieder geschlossen. Lautlos.

Ich sah mich hilfesuchend um, doch niemand unternahm etwas. Alle auf dem Flur gingen unbeirrt ihren Tätigkeiten nach. Er war zum Verzweifeln! Selbst die neben mir Sitzenden zeigten keine Regung. Ich auch nicht.

Sicher, ich hätte aufspringen können, meinen Stuhl hochreißen und damit auf den Aufzug losgehen können, aber welchen Eindruck hätte das gemacht?

Da hätten doch alle gedacht, „Meine Güte, er ist verrückt geworden! Schlägt wie ein Irrer mit seinem Stuhl gegen die Aufzugstür! Was soll denn das? Der Aufzug ist doch längst weg. Warum nimmt er nicht die Treppe?“

Oder sie hätten gedacht, „Meine Güte, er ist verrückt geworden! Schlägt wie ein Irrer mit seinem Stuhl gegen die Aufzugstür! Was soll denn das? Nur weil kein Lesezirkel ausliegt. Völlig übertrieben! Mindestens unverhältnismäßig!“

Diejenigen, die sich mit Horror-Fahrstühlen auskennen, hätten wahrscheinlich gedacht, „Meine Güte, er ist verrückt geworden! Schlägt wie ein Irrer mit seinem Stuhl gegen die Aufzugstür! Was soll denn das? Mit diesem mickerigen Schemel bewaffnet gegen den Horror-Fahrstuhl! Einfach absurd! Geradezu lächerlich!“

Nur die radikalen Internet-Trolle, die sähen zustimmend weg und dächten, „Das haben sie nun davon, dass hier kein Internet-Empfang ist“ Da brauchen sie sich nicht zu wundern, wenn die Leute völlig ausrasten!“

Wie auch immer, es war sicher besser nicht zu intervenieren, denn obwohl radikale Gruppen in dieser Hinsicht toleranter sind, die Zerstörung von Gegenständen öffentlicher Einrichtungen wird im Allgemeinen eher kritisch gesehen, selbst dann, wenn sie sich gegen die allgemein unbeliebten Horror-Fahrstühle richtet.

So ließ ich mich auf nichts ein und wartete bis ich aufgerufen wurde. Rückte aber vorsichtshalber ein paar Plätze zur Seite. Weg vom Aufzug.

Was sich auch immer im Inneren dieses vermeintlich nützlichen Transportmittels abgespielt haben mochte, welch unvorstellbare Dinge dieser jungen Frau widerfahren sein mögen, was auch immer sie bewog, den Aufzug an dieser Stelle fluchtartig zu verlassen, über den Flur zu hetzten und Schutz im nahegelegenen Pflegebüro zu suchen - und welch abstruse Rolle, die mit was auch immer gefüllte Brötchentüte dabei spielte, die sie, vor wem oder vor was auch immer, ins Innere desselben rettete, wir werden es nie erfahren – und sie wird es niemandem erzählen.

Wer sollte ihr eine solche Geschichte schon glauben?

Axel Molls

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